
Markus T. aus Fulda bemerkte es jeden Morgen beim Zähneputzen: ein fauliger Geruch, der aus dem Waschbecken aufstieg. Das Becken lief normal ab, keine Verstopfung — und trotzdem dieser Gestank. Er goss literweise Reiniger in den Abfluss — es half nichts. Der Grund lag tiefer.
Fakt: Ein stinkender Abfluss ist meistens kein Zeichen für eine Verstopfung, sondern für Biofilm — eine schleimige Schicht aus Bakterien, Seifenresten und organischen Ablagerungen, die sich in den Rohren festsetzt. Laut Umweltbundesamt entstehen solche Biofilme in jedem Haushalt und sind grundsätzlich harmlos — aber unangenehm riechend.
Warum stinkt der Abfluss überhaupt?
Der Geruch aus dem Abfluss hat fast immer eine von drei Ursachen. Es lohnt sich, die richtige zu identifizieren — denn die Lösung ist jeweils eine andere.
Ursache 1: Biofilm im Siphon und Rohr
Das ist der häufigste Grund. Im Siphon — dem U-förmigen Rohr direkt unter dem Becken, das du siehst, wenn du den Unterschrank öffnest — sammeln sich Haare, Seifenreste, Hautschuppen und Zahnpasta. Diese Masse wird von Bakterien besiedelt, die beim Abbau organischer Substanzen Schwefelwasserstoff (H₂S) und andere Gase produzieren. H₂S riecht charakteristisch nach faulen Eiern.
Die Bakterien bilden eine schützende Schleimschicht — den Biofilm. Er haftet an den Rohrwänden und lässt sich mit Wasser allein nicht entfernen.
Ursache 2: Ausgetrockneter Siphon
Der Siphon hält immer etwas Wasser — das ist sein eigentlicher Zweck. Dieses Wasser wirkt als Geruchsbarriere und verhindert, dass Gase aus der Kanalisation in die Wohnung steigen.
Wird ein Abfluss längere Zeit nicht benutzt — zum Beispiel ein Waschbecken im Gästebad oder nach dem Urlaub — verdunstet dieses Wasser. Die Barriere fällt weg, und der Geruch aus dem Abwassersystem steigt direkt hoch. Das riecht nicht nach faulen Eiern, sondern eher modrig-kanalartig.
Ursache 3: Ablagerungen tiefer im Leitungssystem
Wenn Siphon und sichtbarer Bereich sauber sind, der Geruch aber bleibt, sitzen die Ablagerungen tiefer — in der Fallleitung oder sogar in der Sammelleitung. Das ist seltener, kommt aber vor, besonders in älteren Gebäuden mit kleinen Rohrdurchmessern.
Abfluss stinkt: Was du jetzt schrittweise selbst tun kannst

Schritt 1: Siphon prüfen und reinigen
Bevor du Chemie kaufst: Schau dir den Bereich unter dem Waschbecken an — ob Unterschrank vorhanden oder nicht. Ist der Siphon außen feucht, klebrig oder verfärbt? Das reicht als erstes Zeichen. Um sicher zu gehen: Drehe den Reinigungsstopfen am tiefsten Punkt auf (wie unten beschrieben) — erst dann siehst du, was sich innen angesammelt hat.
So reinigst du den Siphon:
- Stelle einen Eimer darunter
- Drehe den Reinigungsstopfen am tiefsten Punkt des U-Bogens heraus — eine kleine runde Schraube, meist schwarz oder weiß
- Falls kein Stopfen vorhanden: Drehe die Überwurfmuttern links und rechts auf und nimm den U-Bogen heraus
- Reinige ihn gründlich mit einer alten Flaschenbürste und heißem Wasser
- Baue alles wieder ein und lass etwas Wasser laufen — schau dabei unter das Becken, ob an den Verbindungsstellen Tropfen entstehen
Mehr dazu: Waschbecken verstopft — Siphon öffnen Schritt für Schritt
Schritt 2: Biofilm mit Natron und Essig bekämpfen
Nach der mechanischen Reinigung kommt die chemische. Die Kombination aus Natron und Essig erzeugt Kohlendioxid-Bläschen (NaHCO₃ + CH₃COOH → CO₂ + H₂O + CH₃COONa), die den Biofilm mechanisch von den Rohrwänden lösen.
Anwendung:
- Schütte 4–5 EL Natron in den Abfluss
- Gib 100 ml weißen Essig (5 % Säure) dazu
- Decke den Abfluss sofort ab — der Druck wirkt stärker nach unten in Richtung Ablagerungen
- 30 Minuten einwirken lassen
- Mit heißem Wasser (ca. 60°C — heiß aus dem Hahn, nicht kochend) nachspülen
Brunos Tipp 🦫 — Bei einmaligem Geruch reicht eine Behandlung. Für die Vorbeugung: einmal pro Monat abends Natron und Essig in den Abfluss — über Nacht einwirken lassen, morgens nachspülen. Fünf Minuten Aufwand, kein Chemie-Einkauf nötig.
Schritt 3: Ausgetrockneten Siphon auffüllen
Wenn der Geruch kanalartig ist und du den Abfluss lange nicht benutzt hast: einfach Wasser laufen lassen. Der Siphon füllt sich wieder, die Geruchsbarriere ist wiederhergestellt.
Für Abflüsse, die selten benutzt werden — Gästebad, Waschbecken im Keller — hilft ein Esslöffel Speiseöl ins Abflussrohr vor dem Urlaub. Das Öl ist leichter als Wasser und schwimmt deshalb auf der Wasseroberfläche im Siphon. Es bildet eine dünne Schutzschicht, die die Verdunstung des Wassers stark verlangsamt — ähnlich wie eine Plastikfolie über einem Glas. Eine chemische Reaktion findet dabei nicht statt — es ist reine Physik.
Wichtig: Das Öl hält ca. 2–4 Wochen. Danach kann es oxidieren und selbst unangenehm riechen. Für dauerhaft ungenutzte Abflüsse ist es deshalb besser, einfach alle 2–3 Wochen kurz Wasser laufen zu lassen — 30 Sekunden reichen, um den Siphon neu aufzufüllen.
Schritt 4: Abflussreiniger mit Enzymen
Wenn Natron und Essig nicht reichen, kommen biologische Abflussreiniger mit Enzymen oder Milchsäurebakterien ins Spiel. Diese Produkte bauen den Biofilm gezielt ab, ohne die Rohre anzugreifen.
Was funktioniert:
- Produkte mit Proteasen — Enzyme, die Eiweißverbindungen (Haare, Hautschuppen) in kleinere Aminosäuren spalten und damit die Biofilm-Matrix physisch auflösen. Proteasen aus Bacillus-Stämmen sind seit den 1960er Jahren in der Reinigungsindustrie bekannt. Konkretes Beispiel: BIO-P3 von bioenzym-produkte.de (Deutschland) — enthält α-Amylase, Protease und β-Glucanase; 100 g reichen für eine Abflussleitung, Preis ca. 2–3 €. Anwendung: in warmem Wasser (30–40°C) auflösen, über Nacht einwirken lassen
- Produkte mit Lipasen — spalten fetthaltige Ablagerungen (Seifenreste, Cremes, Hautfett) enzymatisch in ihre Bausteine Glycerin und Fettsäuren auf. Diese Reaktion — Triglycerid + 3 H₂O → Glycerin + 3 Fettsäuren — macht Fettablagerungen wasserlöslich und spülbar. Lipase ist bereits bei 30°C aktiv. Beispiel: Bio Rohrfrei Extrem von Trygreen Solutions (Deutschland) — bioenzymatischer Flüssigreiniger, ca. 15–20 € pro 500 ml, reicht für 5–10 Anwendungen
- Milchsäurebakterien-Konzentrate (auf Basis von Lactobacillus-Stämmen) — verdrängen geruchsbildende Bakterien nicht durch Chemie, sondern durch Konkurrenz: Sie besiedeln dieselben Stellen im Rohr und produzieren Milchsäure, die das Umfeld für Fäulnisbakterien unwirtlich macht. Wirkung langsamer als Enzyme, dafür langanhaltend
Was nicht funktioniert: Aggressive chemische Rohrreiniger mit NaOH oder HCl töten zwar Bakterien, lösen aber den Biofilm nicht vollständig auf. Der Gestank kommt nach wenigen Wochen zurück. Außerdem greifen sie ältere PVC-Rohre und Gummidichtungen an — mehr dazu bei Küchenabfluss verstopft.
Was tun, wenn der Geruch bleibt?

Wenn alle Schritte nichts gebracht haben, liegt das Problem tiefer im Leitungssystem. Es gibt zwei unterschiedliche Symptome — sie haben verschiedene Ursachen:
Nur Geruch, kein Gluckern — deutet auf Biofilm in der Fallleitung oder eine defekte Rohrbelüftung hin. Der Geruch kommt periodisch, besonders bei Wärme oder nach längerem Nichtbenutzen.
Geruch zusammen mit Gluckern (z. B. gluckert es im Waschbecken beim Spülen der Toilette) — das ist ein Zeichen für eine Verstopfung oder ein Druckproblem tiefer im System.
In beiden Fällen gilt: Wenn der Geruch aus mehreren Abflüssen gleichzeitig kommt oder nach der Reinigung dauerhaft zurückkehrt, ist ein Fachbetrieb nötig — eine Kamerainspektion schafft Klarheit.
Preise: Was kostet die professionelle Geruchsbeseitigung?
| Region | Rohrreinigung + Spülung | Kamerainspektion | Notdienst |
|---|---|---|---|
| Kleinstädte (z. B. Fulda, Lüneburg) | 80–130 € | 120–180 € | 160–240 € |
| Mittelstädte (z. B. Freiburg, Erfurt) | 100–160 € | 150–220 € | 200–290 € |
| Großstädte (Berlin, München, Hamburg) | 130–200 € | 180–280 € | 250–380 € |
Preise inkl. MwSt., ohne Anfahrt. Anfahrtskosten liegen je nach Region bei 40–80 €.
Einen Überblick über alle Rohrreinigungskosten findest du hier: Was kostet eine Rohrreinigung?
Rechtliches: Wer ist zuständig bei Mietwohnungen?
Wenn der Geruch aus einem strukturellen Problem stammt — defekte Rohrbelüftung, Ablagerungen in der Hauptleitung — ist das Sache des Vermieters. Der Mieter ist nur dann verantwortlich, wenn er die Ursache selbst verursacht hat (z. B. durch unsachgemäße Entsorgung von Fett oder Hygieneprodukten).
Grundlage ist §535 BGB: Der Vermieter ist verpflichtet, die Mietsache in einem zum vertragsgemäßen Gebrauch geeigneten Zustand zu erhalten. Ein dauerhaft übelriechender Abfluss ohne erkennbares Eigenverschulden des Mieters fällt darunter.
Mehr dazu: Wer zahlt bei Rohrverstopfung — Mieter oder Vermieter?
Häufige Fragen
Der häufigste Grund ist Biofilm — eine Schicht aus Bakterien und organischen Resten, die sich im Siphon und den Rohrwänden festsetzt. Der Abfluss läuft normal, aber die Bakterien produzieren Schwefelwasserstoff, der nach faulen Eiern riecht.
Nur begrenzt. Backpulver enthält Natron, aber auch Weinsäure — beides neutralisiert sich gegenseitig. Verwende lieber reines Natron aus der Drogerie, kombiniert mit weißem Essig.
Das Wasser im Siphon ist während deiner Abwesenheit verdunstet. Die Geruchsbarriere fehlt, und Kanalgerüche steigen hoch. Lösung: Wasser laufen lassen, Siphon füllt sich wieder. Für die Zukunft: vor dem Urlaub einen Esslöffel Speiseöl in den Abfluss geben.
Nein, in normalen Wohnverhältnissen ist der Abflussgeruch nicht gesundheitsschädlich. Die geringen Mengen an Schwefelwasserstoff, die aus dem Haushaltsabfluss kommen, sind unangenehm, aber ungefährlich. Nur bei sehr starkem, anhaltendem Geruch aus mehreren Abflüssen gleichzeitig sollte ein Fachbetrieb prüfen, ob ein größeres Problem in der Hausleitung vorliegt.
Einmal pro Monat Natron und Essig reicht für die meisten Haushalte. Wer viele Pflegeprodukte benutzt oder lange Haare hat, sollte alle zwei Wochen reinigen — nicht weil Haare selbst stinken, sondern weil sie organische Reste (Seifenfilm, Hautschuppen) festhalten und so die Biofilm-Bildung beschleunigen.
Zusammenfassung: Schritt für Schritt
- Siphon prüfen und reinigen — mechanisch, mit Flaschenbürste
- Natron + Essig — löst Biofilm von den Rohrwänden
- Siphon auffüllen — wenn der Geruch nach langem Nichtbenutzen kam
- Enzymreiniger — bei hartnäckigem Biofilm
- Fachbetrieb — wenn Geruch aus mehreren Abflüssen kommt oder gluckert
Quellen
- Umweltbundesamt: Biofilme im Haushalt und Empfehlungen zu Reinigungsmitteln
- Verbraucherzentrale: Rohrreiniger im Test — Wirkung und Risiken
- BGH, Az. VIII ZR 152/05: Kleinreparaturklausel im Mietrecht